Gute Literatur

gelfertGelfert, Hans-Dieter.
Was ist gute Literatur?
Wie man gute Bücher von schlechten unterscheidet.
München: C. H. Beck, 2004.
220 Seiten.
€ 12.90; CHF 23.50 

 

 

Was ist gute Literatur? – Wir alle, Leserinnen, Lehrer, Kritikerinnen, Literaturförderer und Lektorinnen, würden uns niemals explizit auf diese Frage einlassen, aber implizit beantworten wir sie täglich. Nur zu gerne wüssten wir die Antwort, aber wir haben die Hoffnung aufgegeben, dass wir sie je erhalten werden. Wir alle begegnen diesem neuen Buch von Hans-Dieter Gelfert mit grösstem Misstrauen, aber wir brauchen es.

Hans-Dieter Gelfert, emeritierter Professor of English Literature and Culture, hat viele Bücher geschrieben, die uns das Leben erleichtern: Zum Beispiel die kleinen blauen Reclam-Anleitungen zur Interpretation von Gedichten, Romanen, Dramen und Kurzgeschichten. Oder eine Shakespeare-Monografie, die nur € 7.90 kostet und 128 Seiten hat.

Nun zeigt uns Gelfert, wie er gute Bücher von schlechten unterscheidet. Er sucht die Wurzeln von Kunst und Literatur im Balzverhalten und im religiösen Kult. Der Rhythmus von Spannung und Entspannung erinnert ihn an andere «reflexartige Entlastungsvorgänge»: Orgasmus, Lachen und Weinen. Lustempfindung sieht er entstehen, wenn Kunst und Literatur im grösstmöglichen Chaos die grösstmögliche Ordnung schaffen.

Gelferts Beurteilungsraster umfasst 13 Punkte: Vollkommenheit, Stimmigkeit, Expressivität, Welthaltigkeit, Allgemeingültigkeit, Interessantheit, Originalität, Komplexität, Ambiguität, Authentizität, Widerständigkeit, Grenzüberschreitung – und «das gewisse Etwas».

Das Sieb ist engmaschig. Shakespeare, Goethe, Dickens, Proust, Joyce, Kafka passieren es problemlos, und Arthur Miller, denn er ist «der einzige lebende Klassiker und hätte als solcher längst den Nobelpreis verdient». Rilke schafft’s nur teilweise: «Dort, wo er den Ton traf, schuf er Gedichte, die zum Schönsten gehören, was man in deutschen Anthologien findet. Wo er aber danebengreift, wird es so peinlich, dass man sich als Leser für den Dichter schämt.» Von Günter Grass passiert nur die Blechtrommel, denn danach hat er «einen Teil seiner poetischen Kraft auf dem Altar des politischen Engagements geopfert».

Die meisten Bücher, mit denen wir täglich zu tun haben, können vor Gelferts hohen Qualitätskriterien nicht bestehen. Harry Potter beispielsweise ist «Surrogatliteratur», «triviales Lesefutter» und «Kitsch». Gelferts Kulturpessimismus provoziert Widerspruch und sein Gattungsverständnis ist sehr klassisch. Manchmal hat man den Eindruck, Gelfert liest im abgesicherten Vergangenheitsmodus und kann und will aktuelle Entwicklungen nicht wahrnehmen. So erwähnt er etwa Hermann Hesse und Hans Carossa, die in den fünfziger Jahren mit Gedichtbänden hohe Auflagen (157. Tausend) erreichten; heute sei dagegen «volkstümliche Lyrik … so gut wie ausgestorben». Nicht bekannt oder nicht erwähnenswert ist ihm beispielsweise Jörn Pfennig, der in den neunziger Jahren eine Million Gedichtbände mit Lebenshilfe-Lyrik verkaufte und der im Internet allenthalben präsent ist.

Innerhalb seines abgesicherten Vergangenheitsmodus schöpft Gelfert allerdings aus dem Vollen. So zeigt er beispielsweise, dass Conrad Ferdinand Meyer 22 Jahre lang feilen musste, um aus seinem Gedicht Der römische Brunnen ein Meisterwerk zu machen. An Goethes berühmtem Gedicht Wanderers Nachtlied demonstriert er durch kleine Eingriffe, wie wenig gute Kunst von schlechter und schlechte Kunst von Kitsch trennt. Gelferts Buch erweitert die Perspektive und schärft den kritischen Blick. Und das ist nützlich, denn seit das kreative Schreiben in How-to-Büchern und an Akademien gelernt werden kann, tönen viele Texte gut. Gelferts Qualitätskriterien helfen uns, die besseren zu erkennen. Sein Buch gehört zur Gattung der «expositorischen» Literatur und kann deshalb eigentlich nicht mit dem Masstab für «poetische» Literatur beurteilt werden, täte man es trotzdem, müsste man es wohl zur guten Literatur zählen, denn es ist abwechslungsreich, es bildet, es ist spannend, es bereitet Vergnügen, es provoziert, und es will im literarischen Alltag auf die Probe gestellt werden.

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