Albulabahn

 

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Wenn der alte Lehrer ins Schwärmen kam, wurde der Schüler bockig. Er frass den Stoff widerwillig und gab ihn anlässlich einer Prüfung wieder von sich. Später dann, mit einundfünfzig vielleicht, begegnet ihm der Stoff wieder und plötzlich versteht er seinen alten Lehrer und kommt selbst ins Schwärmen (schreibt vielleicht sogar einen kleinen Exkursionsbericht). So erging es mir am Wochenende angesichts der Albulabahn.

 

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Mit dem Halbtaxabo kostet die Fahrt von Bergün/Bravuogn nach Preda CHF 3.90, etwas mehr, als ein Bahnarbeiter vor hundert Jahren im Tag verdiente. Mehrere tausend Arbeiter, vor allem aus Italien, haben dieses Bahnwunder unter Anleitung bärtiger Ingenieure aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Griechenland innert zweier Jahre erbaut. Da gibt es imposante Bogenbrücken, Kehrtunnels und Lawinenverbauungen. 

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Die Fotografen kommen zu Fuss, mit Mountain-Bikes, oder Motorrädern. Sie studieren den grafischen Fahrplan und lauern den Zügen auf. Sehr empfehlenswert der Bahnlehrpfad. Er hätte meinem alten Lehrer gefallen. Gutes Schuhwerk obligatorisch! Ich gehe lieber von Preda nach Bergün hinunter als von Bergün nach Preda hinauf, aber das ist eine Frage der Kondition. Und eigentlich muss man den Pfad zuerst gehen und dann Bahn fahren. Die Bahn fährt 17 Minuten, zu Fuss dauert’s zwei bis vier Stunden. Wir fuhren hinauf, gingen hinunter, fuhren wieder hinauf und fuhren wieder hinunter.

 

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Ich bewundere diese alten Ingenieure, die sich so mächtig ausbreiteten und die Landschaft eroberten. Ich hatte in diesem Zusammenhang übrigens heute einen merkwürdigen Traum: Ich besass einen Bagger (keine Ahnung woher) und ich wollte ihn ausprobieren, aber ich wusste nicht, wo. Mein Traum war von einem starken Gefühl der Illegalität begleitet. Ich fasste den Vorsatz, nachts irgendwo zu graben, wachte aber auf, bevor ich effektiv zur Tat schreiten konnte. (Apropos Ingenieure: Baldbundesrätin Doris Leuthard und Ständerat Bruno Frick finden: „Ingenieure brauchen wir, keine Ethnologen“).

 

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Auch unsere modernen Ingenieure machen ihrem ingenialen Namen übrigens alle Ehre, aber sie breiten sich nicht aus, sie miniaturisieren: Ich denke an meinen neuen MP3-Spieler: 28 Gramm, so gross wie ein Feuerzeug (Feuerzeug brauche ich ja seit dem 11.4.1994 nicht mehr) und darin findet meine ganze Plattensammlung Platz und dazu noch ein ausgewachsenes, qualitativ hochwertiges UKW-Radio.

 

Zurück nach Bergün: Sehr empfehlenswert natürlich auch das Weisse Kreuz, wo man bei Baranduns und Baers sehr gut schläft und isst. Oder natürlich das legendäre Kurhaus, etwas einfacher, aber nicht unbedingt billiger.

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Übrigens, Zufall, ich schwör’s, auf der Fahrt nach Bergün hörten wir im Auto ab Hör-CD eine Lesung von Thomas Mann persönlich: Das Eisenbahnunglück (Aufnahme 1956 in Stuttgart, Das gesprochene Wort. 50 Aufnahmen aus 50 Jahren. Deutsche Grammophon.). Das war ein Geburtstagsgeschenk von Roman Schuenze. Vielen Dank, nochmals!

 

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Solche Sachen erhalten Seibaeren zu 50. Geburtstagen, lieber Baer, du kriegst mannshohe Holzbaeren und ein Holzbaenkli mit eingeschnitztem Namen. Thomas Mann ist mein Lieblings-Satiriker, erfreulich für alle Sinne. Und irgendwie lustiger als Aernschd Borns Zweierleier mit Birgit Steinegger und Walter Andreas Müller, der kurz zuvor ebenfalls aus dem Autoradio ertönte. Sorry, Aernschd! Aber in einem Atemzug mit Thomas Mann genannt zu werden, ist doch immer eine Ehre, auch wenn man dabei ein wenig abfällt, oder?

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Apropos Genie: In Deutschland würde man jetzt sagen Tschenie, so wie man neuerdings Tschurnalist sagt oder Tscharlotte. Das ist vielleicht nicht weltmännisch aber europersönlich (Der Weltmann und die Europerson!): Deutsche sprechen französische Wörter englisch aus. (Auch ich wäre wohl ein eher unangenehmer Lehrer geworden. Aber was ich eigentlich sagen will:) Falls im Finalspiel dieser penetranten deutschen Fussball-WM Frankreich und England zusammenstossen sollten, wären die Deutschen wohl eher für die Engländer, obwohl doch eigentlich die Franzosen den Fussball erfunden haben. Oder?

 

Aktualitäten vom 12. Juni 2006:

Das Welt-Jahres-Rüstungsbudget übersteigt erstmals 1’000’000’000’000 US$.

Auch die Ozonwerte steigen und Greenpeace demonstriert am Bundeshaus.

Das heutige Etappenziel der Tour de Suisse ist Arlesheim.

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