Anton Fühlers Schneckentagebuch

Schnecke
In Liestal wurde gestern im Dichter- und Stadtmuseum die Ausstellung „Spurwechsel. Schnecken erzählen globale Geschichten“ eröffnet. Anlässlich der Eröffnung durfte Pantalones Duzfreund Anton Fühler aus seinem langjährigen Schneckentagebuch vorlesen. Fühler arbeitet als zweiter Praktikant beim Verein Ein Haus und zwei Fühler, der von Rosa Haus geleitet wird. Fühler ist überzeugt, dass seine Tagebucheinträge auch ein breiteres Publikum interessieren dürften. Pantalone ist skeptisch, räumt ihm aber hier trotzdem ein wenig Platz ein. – Warum nicht?

Aus Anton Fühlers Schneggentagebuch

13. Mai 1960, nach dem Mittagessen:
Ich habe jetzt einen Schnegg.
Und ich habe ihn sehr gern.
Papi sagt: Der Schnegg ist das Wildtier,
wo man am besten einfangen kann.
Man kann ihn in ein Konfiglas tun,
ein Seidenpapier darüber spannen
mit ein paar Löchern.
Und es mit einem Gümmelchen festmachen.

15. Mai 1960, am Morgen früh.
Ich habe den Schnegg immer noch.
Und ich habe ihn immer noch gern.
Mami sagt: Der Schnegg ist das Wildtier,
wo sich am besten als Haustier
für die moderne Familie eignet.
Er verliert keine Haare,
er kotet kaum und er schleimt mässig.
Er ist sehr genügsam und
zufrieden mit einem Löwenzahnblatt pro Tag.
Er braucht kein Aquarium.
Er bellt nicht.
Der Schnegg ist das ideale Haustier für Kinder von 1 bis 100.
Aber  man sollte ihn in der Nacht nicht ins Bett nehmen.

17. April 1992, vor dem Nachtessen:
Heute Schnecken fotografiert.
Meine Frau sagt:
Die Schnecke ist das Wildtier,
wo man am besten fotografieren kann.
Ich staune immer wieder, wie selten Schnecken
gezeichnet und gemalt werden.
Kein anderes Wildtier hebt so bereitwillig aanen,
wie die Schnecke.
(„Hebt so bereitwillig aanen“ konnte ich
nicht befriedigend auf Hochdeutsch übersetzen.)
Die Schnecke ist ein ausserordentlich einfaches Motiv.
Und die Nacktschnecke ist das ideale Aktmodell.

Bild: Hainschnirkelschnecke,
Cepaea nemoralis von „Erbsensuppe“ auf Wikipedia (GNU-Lizenz)

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