Das ganz reale Irreale

piraten1.jpg Pantalone hat Pirates of the Caribbean III gesehen. Über Pirates II hat er damals in Helsinki geschrieben. Vieles wurde damals schon gesagt. Nicht erwähnt hat Pantalone, dass er den Film fünf Minuten vor Schluss auf Grund eines dringlichen Bedürfnisses verlassen musste.

Er wollte damals noch nicht darüber schreiben, die Panik sass ihm noch zu tief im Nacken. In diesen modernen Kinopalästen gibt es ja keine Pausen mehr, weil die Sweets und die riesigen Getränkebecher (!) vor der Vorstellung in supermarktähnlichen Eingangshallen verkauft werden. Damit kann Leinwandzeit gespart werden. In Helsinki haben sie auch Klozeit gespart, denn es war abgeschlossen. Pantalone irrte im Filmpalast umher, fand nirgends ein offenes Klo und keine Menschenseele, und es dauerte nicht lange, da waren auch alle Aussentüren verschlossen. Schlussendlich liess sich eine von innen entriegeln und Pantalone enteilte in Richtung Hotel. Schaffte er es rechtzeitig in sein Hotelzimmer? Fand er eine andere Lösung für sein Problem? Sie werden es in seinem Bericht über Pirates of the Carribean IV erfahren.

Aber was sagt Pantalone nun über Pirates III? Zu allererst möchte er Keith Richard einen eisernen Pantalone mit Gichtfinger überreichen für seine ausserordentlich glaubwürdige Darstellung des Piraten-Paten. Und dann gefielen ihm viele Dinge. Am besten aber ein Satz von Lord Cuttler Beckett, dem Boss der East India Trading Company. Beckett versucht die Piratengespenster zu bannen, indem er ihnen erklärt: „the irreal is … irreal.“ – Das Unreale zum Unrealen machen, daran hat die Aufklärung einige Jahrhunderte lang mehr oder weniger erfolgreich gearbeitet. Heute geht’s wieder rasant in die andere Richtung. Das Irreale wird immer realer. Man sehe sich nur mal Pirates III an.

virgin_diaries2.jpg

Aber die These lässt sich auch anderweitig belegen: Früher machte man kindliche und jugendliche Erfahrungen im Diesseits, heute holt man sie sich von jenseits der Mattscheibe. Früher gab es Doktorspiele im Unterholz und intime Gespräche unter Freundinnen. Heute begutachtet man bei MTV die Po-Backen von Stars und man sieht Virgin Diaries bei VIVA.

Und wenn wir schon bei diesen TV-Sendern sind: Sehen Sie sich die Werbung an. Sie besteht zu einem beachtlichen Teil aus Verkaufsterror – von Werbung kann man nicht mehr sprechen – für Handy-Hirngespinste. Hier erhält man für reales Geld ein irreales Nichts. Nichts bestellen ist extrem cool, und wer einmal bestellt hat, ist Nichts-Abonnent und kann sich kaum mehr aus den Fangarmen des „Kraken“ befreien. Pantalone wird da ganz pathetisch und missionarisch.

Becketts East India Company war eine mächtige Organisation, die vor 300 Jahren die Welt beherrschte. Sie handelte vorwiegend mit Realitäten (und ein wenig mit Opium). Heute beherrschen mächtige Organisationen die Welt, die mit Irrealitäten handeln. Pantalone staunte schon, als die Mobiltelefone aufkamen: Vorher war miteinander reden gratis. Und heute lebt dieses ganze Unterhaltungs- und Mediensystem vom Handel mit Irrealitäten. Nichts gegen Filme oder Musikstücke, das sind für Pantalone auch Realitäten, aber was sind Klingeltöne? – Nichts, oder?

Womit Pantalone nicht sagen will, es gäbe heute nicht auch mächtige Organisationen, die mit Realitäten handeln, mit Erdöl, mit Nahrungsmitteln, mit Wasser. Vorderhand noch frei sind die Luft und die Gedanken … Synonyme für Nichts und Irrealitäten.

Ein anderer Aspekt der Piraten: Sie überschwemmen unsere Kinos, wie die Nacktschnecken die Gärten. Sie greifen Platz und verdrängen viele andere gute Sachen.

3 Gedanken zu „Das ganz reale Irreale“

  1. Verehrter Pantalone
    Erlauben Sie mir, Ihnen einen Ausschnitt aus dem Film vorzuspielen:
    http://infam.antville.org/static/infam/files/theimmaterial.mp3
    Nachdem Sie diese kurzen Sekunden gehört haben, werden Sie sicher mit mir einig gehen, dass das Zitat von Lord Cuttler Beckett, dem Boss der East India Trading Company, richtigerweise heissen muss: „The immatierial has become… immaterial.“ Auch das letztlich eine Leistung der Aufklärung. Was bedeutet dies aber nun für Ihre Argumentation? Was ist die Differenz zwischen Unrealem und Immateriellem? Sie sagen, ausgehend von dem Zitat, wie Sie sich daran erinnern, „das Irreale wird immer realer“. Ausgehende vom richtigen Wortlaut, wären Sie da auch zum Schluss gekommen, das Immaterielle werde immer materieller? Vielleicht. Das Handy ist ja dafür ebenfalls ein Beispiel. Es ist die Material gewordene Kommunikation, die eigentlich immateriell war, bis zum Auftauchen technischer Hilfsmittel dafür. Was aber – vor der Schrift usw. – doch schon recht lang her ist. Das Immaterielle wird immer materieller: Vielleicht eine andere Ausdrucksweise für „Verdinglichung„. Man wird sehen…

  2. Verehrtes Pat. Natürlich haben Sie Pantalone sofort überzeugt. Vielen Dank für den Hinweis. Pantalone entschuldigt sich für das falsche Zitat. Er hat zwar im Kino immer einen Notizblock auf sich, aber er notiert immer die falschen Dinge, die sich im Nachhinein als uninteressant erweisen. Aber vielleicht hätte Pantalone sich noch einmal in die grosse Schlacht werfen müssen, um diesen interessanten Satz noch einmal zu hören, bevor er so grosse Töne anschlägt.

    Pantalone ist ein Lebemann, kein Philosoph, aber er denkt, das „Materielle“ und die „Realität“ sind nicht weit auseinander: Auch zwei Wiki-Zitate: „Im philosophischen Sinn bezeichnet Materie die objektive Realität, die von unseren Sinnen abgebildet oder widergespiegelt wird“ (Materie) „Real ist dabei das, was auch außerhalb des Denkens existiert“ (Realität). – Vielleicht könnte sich hier eine Philosophin oder ein Philosoph in die Diskussion einschalten. – Übrigens muss Pantalone sagen: „immaterial“ tönt – mindestens auf Englisch – viel besser als „irreal“.

    Sehr interessant auch der Wiki-Artikel, auf den Sie verweisen. Im kapitalistischen Sinne ist das Materielle oder das Reale vielleicht das, was sich in Geld verwandeln lässt. Danke jedenfalls für die aufmerksame Lektüre.

  3. Durchlauchter Pantalone
    Es zeigt sich hier eine eigentliche Piraterie (um nicht zu sagen Pikanterie) der Philosophiegeschichte, das alte Materialismus-Problem nämlich: Dass das Imaterielle – das Wort – am Anfang stand, ist eine alte Buchweisheit. Sie hat sich materialisiert im Buch der Bücher. Und gerade dadurch ist das Wort Materie geworden. Das heisst, es hat sich materialisiert in einer Institution der realen Macht, der Kirche, dem Gottesgnadentum usw. Die Piraten der Aufklärung waren es dann, die deren Autorität untergruben und der auf den Kopf gestellten Welt auf die Füsse halfen. Damit haben sie aber das Immaterielle gewissermassen aus der materialsierten Form befreit und es erst echt zum Immateriellen gemacht: „The immaterial has become… immaterial.” (Übrigens tierisch gut, Pat, der Schreibfehler „immatierial“!)
    Wenn sich in der Postmoderne das Wort nicht mehr im Buch der Bücher, sondern im Handy materialisiert (man beachte die religiösen Konnotate der Handybranche: es werde Licht = Sunrise; der Herr komme = swisscom), dann stehen die Klingeltöne, nach denen Herr Pantalone fragt, eben dafür, dass es in der Kasse klingelt. Wenn aber früher für die Teilhabe an der religiösen Kommunikation und am Seelenheil für reales Gold Ablasse verkauft wurden, so läuft das heute über virtuelles Geld, über Prepaid-Karten oder Abos. Man erhält nicht mehr, wie Sie es feststellen, Herr Pantalone, für reales Geld ein irreales Nichts. Vielmehr ehält man für irreales Geld ein reales Nichts. Für Piraten ist da echt nichts mehr zu holen. Deshalb erspart sich die echte Landratte, die ich bin, all die Kinogänge in die stürmischen karibischen Piratenwelten.
    Ist sonst noch etwas klar?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.