Der tiefe Glaube des Beda M. Stadler

Johnny
Johnny

Letzte Woche sagten Sie, die Ethik sei ein Produkt der Evolution und nicht der Religion. Das gefiel Pantalone. Doch dann schrieben Sie, es gebe keinen freien Willen. Das gefiel ihm weniger. Pantalone würde hier gerne einmal die Klinge mit Ihnen kreuzen, Herr Stadler.

Ihre Kolumne in der NZZ am Sonntag liest Pantalone immer gerne. Er ist zwar eigentlich nie gleicher Meinung wie Sie. Er besitzt zum Beispiel keinen Offroader, steht der Biotechnologie skeptisch gegenüber, und findet, man könne Theologinnen und Geisteswissenschaftler ruhig leben lassen. Er könnte auch nie so effizient abnehmen wie Sie. Aber er mag Ihre streitbare Art. Die Struktur, nicht den Inhalt. Letzte Woche hörte Pantalone Sie bei Wieland Backes im SWR-Nachtcafé sagen, die Ethik sei ein Produkt der Evolution und nicht der Religion. Das gefiel Pantalone. Ethik wächst also evolutionär, weil: die Tiere müssen nicht nur töten, sondern auch leben lassen können. Sonst würden sie die Jahrmillionen ja nicht über-leben. Und die Religionen, die ja meist transzendente Rechtfertigungen irdischer Machsysteme sind, tun nur so, als hätten sie die Ethik erfunden. Potz Blitz, dachte Pantalone, Herr Stadler hat sich recht gut von seiner walliserischen, katholischen Erziehung emanzipiert. Pantalone hat auch gehört, dass Sie die Struktur der Religionen gut finden, und nur die Inhalte problematisch. Und jetzt muss Pantalone ganz klar sagen: er hat nichts gegen Katholiken (und nichts gegen Walliserinnen), aber er hat noch keinen getroffen, der vom Walliser Katholizismus Inhalt UND Struktur abgelegt hätte, der sich also emanzipiert hätte und ganz locker geworden wäre. Es bleibt da immer eine gewisse Verkrampftheit und eine diffuse Ausrichtung auf eine universale Zentralkraft, die irgendetwas Mächtiges legitimiert. Ja, auch Sie haben diese Verkrampftheit, schliessen Sie sich doch in Ihrer neuesten Kolumne in der NZZ am Sonntag der evolutionsbiologischen Meinung an, es gebe keinen freien Willen. „Wer an den freien Willen glaubt, soll versuchen, den Harndrang zu bezwingen“, zitieren Sie. Also Pantalone bezwingt seinen Harndrang eigentlich recht gut. Er kann ihn fast immer bis zur nächsten Toilette unterdrücken. Das Bezwingen des Harndrangs, denkt Pantalone, ist eine zivilisatorische Leistung, die irgendwo zwischen der Schildkröte und der Katze erbracht wurde. Da erkämpfte sich die Kreatur ein Stückchen freien Willen. Und dieses Stückchen konnte im Laufe der weiteren Evolution bis heute noch wesentlich vergrössert werden. Dass Sie diesen freien Willen nicht sehen, hängt damit zusammen, dass Sie auf eine universale Zentralkraft ausgerichtet sind, die mächtiger ist als unser lieber Gott (und viel weniger lieb), und die uns zwingt, Offroader zu fahren, biotechnologisch zu basteln und zu glauben, dass es keine Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die unsere Schulweisheit nicht erklären kann. Aber Pantalone ist überzeugt, Ihre universale Zentralkraft, die übrigens merkwürdigerweise immer exakt Ihrer Meinung ist, ist so ein Ding. Aber Pantalone weiss: das ist geisteswissenschaftlich.
N.B.: Das Bild zu diesem Artikel zeigt nicht Herrn Stadler, sondern eine Schildkröte namens Johnny, die seit 25 Jahren bei Pantalones wohnt. Sie sieht keinen Grund, ihren Harndrang zu bezwingen und tut es deshalb auch nicht.

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