Boris Akunin: Die Bibliothek des Zaren

 

Die Bibliothek des Zaren

Nicholas Fandorin, verwöhnter, mittelmässig begabter englischer Historiker mit russischer Abstammung reist auf den Spuren seines Vorfahren Cornelius von Dorn nach Moskau. Der naive, unglaublich ehrenhafte Fandorin trifft auf zwei mächtige, weniger ehrenhafte Gangsterbosse und schlägt sich brillant um einen unermesslich wertvollen Schatz.

Laut Wladimir Kaminer ist Boris Akunin „der Meister der russischen Krimiautoren“. Ich kenne zu wenig russische Krimiautoren, um ihn derart einzuordnen. Aber ich finde das Buch sensationell. Es gibt zwei Handlungsstränge, die wunderbar verwoben sind: Im einen erfahren wir, wie Cornelius von Dorn im 17. Jahrhundert nach Moskovien kommt, der andere behandelt die Ankunft Nicholas Fandorins im modernen Mokau. Akunin (Pseudonym von Grigori Tschtschartischwili) spielt virtuos mit den Fakten der Geschichte und der Gegenwart. Ich vermute, dass er als Philologe ebenso virtuos mit verschiedenen Sprachebenen spielt. In der deutschen Übersetzung kann man das leider nur noch ahnen, obwohl ich überzeugt bin, dass die Übersetzerin ihr Bestes getan hat. Das Buch ist ein humorvoller Krimi, ein funkelnder historischer Roman, eine spannende Abenteuergeschichte und – würde die Sprache noch etwas besser fliessen –  wäre es ein veritables Meisterwerk, fast vergleichbar mit Ecos „Der Name der Rose“. Ebenfalls vergleichen könnte man das Buch mit Dan Browns „Da Vinci Code“, denn Akunins „Schatz“ besteht unter anderem aus einem bisher unbekannten Judas-Evangelium. Akunin sagt auf ein paar Seiten, wofür Brown ein paar hundert braucht. Die Ideen-Dichte ist bei Akunin etwa um einen Faktor 100 grösser als bei Brown und wo Brown mit Gemeinplätzen spielt, verrät Akunin Geheimtipps. Ich finde zum Beispiel auch, dass sich das Buch wunderbar als Schullektüre eignen würde.

Ganz speziell gefällt mir das Zusammentreffen zwischen dem halbaristokratischen Fandorin und dem Gangsterboss Wlad. –„Wlad: ‚Ich bin in Tschernogorsk aufgewachsen, Kolja (=Nicholas). Die kleinsten Kinder im Kindergarten haben sich bei uns schon bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt … Und wenn ich jetzt mit meinem Jaguar durch die Gegend düse, wenn ich ein Büro im Palast des Grafen Dobrinski, sechsundzwanzig Bohrlöcher auf der Halbinsel Jamal, eine Villa in Saint-Tropez, und noch einiges anderes habe, dann liegt das nicht daran, dass ich in der Schule gut gewesen bin […] Das Gesetz lautet folgendermassen: Entweder du wirst von den andern gefressen, oder du frisst sie selbst. Und wenn du nicht nach Darwins Art leben willst, dann hock weiter in Tschernogorsk, trink Fusel und erstick an schwarzem Staub.’ – Die leidenschaftliche Rede des Tschernogorsker Evolutionisten verfehlten ihren Eindruck auf den Magister nicht. – Nicholas schämte sich, dass er in dem feinen Kensington aufgewachsen war, als Kind Flöte gespielt hatte und sich mit elf hatte aufhängen wollen, weil Sir Alexander [sein Vater] ihm kein Pony kaufte.“

Boris Akunin: Die Bibliothek des Zaren
Broschiert: 383 Seiten
Verlag: Goldmann; Auflage: 1 (April 2005)
Sprache: Deutsch
ISBN: 3442458021

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