Die Schmöker werden das Medium wechseln

Vor zwei Jahren erhielt Pantalone von seinen Kindern ein äusserst nachhaltiges Weihnachtsgeschenk, einen IPod Nano. Im ersten Jahr hörte er damit viel Musik. Er erwarb im iTunes-Store all diese alten Platten, die er früher so liebte, und die er viel zu selten hörte und nicht besass, weil Platten selten, schwer zu finden und sauteuer waren. Nun hatte er das alles in dem kleinen Schmuckstück, das er stets an einem Halsband trug: Creedence Clearwater Revival, Janis Joplin, Deep Purple, Bob Dylan, Canned Heat, The Dubliners, Peter Paul and Mary oder Alan Stivell. Alles war immer verfügbar. Aber irgendwie verlor die Musik – vielleicht durch diese leichte Verfügbarkeit – das existenziell Erotische.

Im letzten November dann, entdeckte Pantalone Download-Audiobooks für den iPod. Und jetzt hat er Bilanz gezogen: er hat innerhalb eines Jahres 35 vorgelesene Bücher herunter geladen mit einer Hördauer von 250 Stunden und er hat dafür etwa 350 Euro bezahlt. Das heisst: Pantalones Medienverhalten hat sich schlagartig und grundlegend verändert. Der iPod mit den Audiobooks ist zu Pantalones meistgenutztem Medium geworden, hat Fernsehen, Radio, Printmedien und Bücher überholt. Die Ausgaben, die er dafür tätigt, sind höher als die Abonnementskosten einer Tageszeitung. Und Pantalone hat die Audiobooks ausnahmslos alle bis zum Schluss angehört. – Was macht die Audiobooks so attraktiv: Sie sind jederzeit verfügbar (Download), sie sind handlich (sozusagen Körperlos) und lassen sich in einem kleinen Schmuckstück herumtragen (iPod), sie strengen die (ach so bildschirmstrapazierten) Augen nicht an, und sie sind kostengünstig.

Pantalone hörte Sachbücher: Zum Beispiel 21 Stunden Bill Brysons „Eine kurze Geschichte von fast allem“. – Aber er hörte vor allem Fiktion. Klassiker: Theodor Fontanes „Effi Briest“ (22 Std.), Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (7 Std.); dicke Schmöcker: Frank Schätzings „Schwarm) (12 Std.), Edward Rutherfurds „The Rebels of Ireland“ (30 Std.), von Ken Follett „Die Leopardin“ (17 Std.) und „Die Säulen der Erde“ (14 Std.); natürlich auch Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ (6 Std., von der Autorin selbst gelesen). Die absoluten Höhepunkte waren: Adiga Aravinds „Der weisse Tiger“ (7 Std.) und „Die Nacht ist aus Tinte gemacht“ von und mit Herta Müller (2 Std.).

Geschichten hören wurde für Pantalone wieder existenziell-erotisch, wie damals, als man mit 14, 15 Jahren Bücher verschlang. Pantalone sieht – zumindest im Fiction-Bereich – eine rosige Zukunft für Audiobooks, eine rosigere als für die vieldiskutierten elektronischen Lesegeräte. Da wird viel Geld fliessen. Und es wird wahrscheinlich in wenige Taschen fliessen: Pantalone bezieht seine Audiobooks von www.audible.de, einem mehrsprachigen Online-Laden, in dem jedes Audiobook – egal ob 2 oder 30 Stunden lang – 9 Euro 90 kostet … wenn man ein Abonnement abschliesst, mit dem man sich verpflichtet, monatlich 1 Audiobook zu beziehen (monatlich kündbar). www.audible.de hat den Vertrieb der Audiobooks international fest im Griff, und die Plattform gehört seit ein paar Monaten Amazon. Das ist ein virtueller Laden für die ganze Welt. Da muss die Konkurrenz sich etwas einfallen lassen.

DAS BUCH wird darob nicht untergehen, vieles muss man genau lesen und memorieren, und es gibt schöne Bilder, und es gibt das Taktile undsoweiter … aber die Schmöker werden das Medium wechseln. Pantalone ist überzeugt, dass sich das Download-Audiobook im Fiction-Bereich erdrutschartig durchsetzen wird, wenn der Zugang noch etwas einfacher wird oder wenn sich das Publikum an das „Downloaden“ gewöhnt.

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