Disneys Piraten

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Es soll einen Brief geben, in dem sich eine Disney-Direktorin bei Johnny Depp dafür bedankt, dass er in Pirates of the Caribbean II keinen einzigen ihrer Befehle befolgt und dadurch den Film zu einem Erfolg gemacht habe. Die gute alte Disney PR-Geschichte: Das Management gibt vor, von den Kreativen zum Vorteil des ganzen Unternehmens übertölpelt worden zu sein. So hat Disney das auch immer gemacht: Die Kreativen übertölpeln und dann so tun, als sei man von ihnen übertölpelt worden. Die Geschichte ist alt, aber sie wurde auf ein neues Level gebracht. Disney perfektioniert seine Strategien zur Kolonisierung der Phantasie der Welt. Pantalone nimmt es gelassener als in früheren Zeiten.

Gestern hat Pantalone in Helsinki Pirates of the Caribbean II gesehen. Er hatte viel darüber gehört: Zum Beispiel, dass am Anfang vom Helden eine unschuldige Krähe erschossen würde, was bisher bei Disney noch nicht vorgekommen sei (Weltwoche). Blödsinn: Bei Disney wurden immer unschuldige Tiere getötet, meist Mütter, zum Beispiel in Bambi oder in Cap und Capper. Und die Szene ist nicht am Anfang. Und die Krähe war auch nicht unschuldig: Zwei Einstellungen vorher hackt sie einem Gefangenen in einem Vermoder-Käfig die Augen aus. Und der Gefangene war wohl auch nicht ganz unschuldig und so weiter.

Viel wurde auch darüber gemunkelt, dass Johnny Depp den Piratenkapitän nicht so spielte, wie die Disney-DirektorINNen wollten. Gute Geschichte. Geschichten entstehen bekanntlich aus Konflikten.  Das weiss die Disney-PR-Abteilung so gut wie das das Story-Department. Die Story hat Pantalone natürlich am meisten interessiert. Die alten Ingredienzien sind da: Familienkonflikt (Will Turner und sein vergammelter Vater), Prinzessin und Prinz (Will Turner, Elizabeth Swann), komische Figuren (Pintel und Ragetti), das Böse (Mr. Beckett) und das Numinose (der fliegende Holländer und The Kraken). Aber alles ist modernisiert und auf die höchste im Unterhaltungskino heute denkbare Spitze getrieben. Das Böse ist nicht nur böse sondern es steht auch im Bund mit dem Übernatürlichen und Unsterblichen. Die guten Sterblichen hätten gegen die bösen Unsterblichen keine Chance, wäre da nicht Captain Jack Sparrow, der irgendwie dazwischen steht. Faszinierend die Grösse des Konfliktes. Dramaturgisch interessant und innovativ die Figur des Jack Sparrow (Johnny Depp), er steht überall irgendwie dazwischen: sterblich und unsterblich, naiv-blöd und genial, besoffen und nüchtern, feige und mutig, vergammelt und schön, freischwebend zwischen den Figuren, ohne Abhängigkeiten, nur manchmal ein wenig verliebt in Elizabeth.

Verblüffend die Geschwindigkeit des Films und was da alles drin ist. Das Grundgerüst ist einfach: Kampf GUT gegen unbesiegbar BÖSE. GUT unterstützt und gerettet vom Captain. Aber was an diesem Gerüst alles dranhängt! Das hätte man vor ein paar Jahren noch für unmöglich gehalten. Aber es ist so viel, dass es auch ziemlich unübersichtlich wird. Die klassische amerikanische Filmstruktur ist schon irgendwie da, aber sie ist bis zur Unkenntlichkeit durchzogen mit gewagten Erzählhaken. In der alten Disney-Tradition steht auch das Aufgreifen, auf die Spitze treiben und Persiflieren alter, allgemein bekannter Motive (zum Beispiel: der fliegende Holländer). Oder die Szene, wo der Captain von Kanibalen an den Spiess gesteckt wird. Puritaner würden die Szene wohl rassistisch nennen – wäre ja nicht das erste Mal bei Disney –, für Pantalone ist es einer der Höhepunkte des Films, eine köstliche Parodie auf das abgedroschene Motiv des Missionars im Kochtopf. Pantalone schmunzelt, und die Disney-Schlauköpfe (Imagineers) finden wirklich noch Aspekte, die (zumindest für Pantalone) völlig neu sind. Wie der Captain am Spiess vom Feuer hüpft, wie der Spiess mit Melonen als Mixed Pickles garniert wird. Und das ganze natürlich unterschnitten mit einer atemberaubenden Parallelhandlung: die lieben Piraten in einem luftigen Käfig über der Schlucht. Da werden gleichzeitig viele Emotionen gekitzelt: Hunger, Platzangst (Fesselung), Höhenangst (Käfig), Humor und so weiter. Ein emotionaler Sweet and Sour Cocktail. Ebenfalls typisch Disney: die leichte Übersättigung, die ab etwa Minute 100 auftritt, das Gefühl, dass sich alles sinnlos im Kreis dreht. Kurz: Typisch Disney aber auf einem neuen Level.

Ein Gedanke zu „Disneys Piraten“

  1. Diese Zusammenfassung trifft es genau. Sehr gut geschrieben, schade, dass sie nur hier Veröffentlicht wurde. Sie würde sich auch in anderen Print-Medien gut machen und gewissen Zeitschriften ein bisschen Niveau geben bzw. manchen Filmkritikern zeigen wie man eine schöne/faire Filmkritik schreibt 🙂

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