Fasnacht 1922

Maskenball in Arlesheim Traditionsgemäss möchte Pantalone sich hier wieder einmal fas(t)nachtshistorisch betätigen. Er richtet sein Augenmerk auf die Fasnacht 1922, nach Basel und nach Arlesheim.

In Basel bahnte sich damals eine fürchterliche Katastrophe an, von der heute niemand mehr weiss, und in Arlesheim wurden am Kinder-Ball im Rössli noch „reelle Weine“ serviert …

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In Basel ist etwas Fürchterliches passiert,“ berichtet das Tagblatt für das Birseck, Birsig- u. Leimental im Januar 1922: „Der Wiederholungskurs des Basler Bataillon 97 soll ausgerechnet in die Fastnacht hineinfallen. In einem Leserbrief in den Basler Nachrichten protestiert ein betroffener Beppi: „Sie haben uns Siebenundneuzigern in Ihrer Neujahrsnummer einen netten Scherz zum Jahresschluss serviert mit Ihrer Meldung vom diesjährigen Wiederholungskurs dieses offenbar vom Schicksal heimgesuchten Basler Bataillons. (…) Ein Basler Bataillon während der Fasnacht als Übungstruppe für einen taktischen Kurs in Liestal zu kommandieren, das hätte vermieden werden sollen. – Rücksichten auf Basler hat man sich in Bundesbern mehr und mehr abgewöhnt, vielleicht war man sich am grünen Tisch auch nicht bewusst, was man anrichtet. Wir wollen es hoffen! Dann ist es aber höchste Zeit, dass es heute deutlich erklärt wird: Wir Basler empfinden es als eine unbegründete Schikane, wenn man uns fast in dem Moment aus der Stadt auf den Exerzierplatz herausholt, in dem wir gewiss wie zu keiner andern Jahreszeit in die Stadt gehören!“ – Ob die Katastrophe von den beherzten Fasnächtlern verhindert werden konnte, weiss Pantalone nicht, aber er kann sich kaum vorstellen, dass sich hohen Berner erweichen liessen.

Über den Beginn der Arlesheimer Fasnacht berichtet das Tagblatt: „Arlesheim. Karnevals Einzug. Punkt 6 Uhr heute Morgen hielt Prinz Karneval seinen Einzug in unsere Mauern, unter grossem Tamtam und ohrenbetäubendem Lärm tat er kund und zu wissen, dass er das Zepter schwinge dieser Tage und nicht ermangeln werde, zu geisseln alle diejenigen, die nicht reinen Herzens sind.“

Und demselben Tagblatt entnimmt Pantalone eine Verordnung des „Gemeinderates“ betreffend die Fastnacht 1922. Die Verordnung umfasst 396 Paragraphen und muss von allen, die aktiv an der Fasnacht teilnehmen wollen, auswendig gelernt und vor der Schulpflege rezitiert werden. Fünf Paragraphen möchte Pantalone hier zitieren:

„§ 169: Vor dem Betzeitläuten ist das Maskenlaufen einzustellen. Goetheaner, die später angetroffen werden, haben einen Ausweis zu erbringen, dass ihre Kleidung kein Fastnachtsscherz sei.

§ 201: Wir machen darauf aufmerksam, dass je nach Betonung auch Bolschewiki als Beschimpfung im Sinne von Art. 192 – 200 gilt, ebenso Bundesrat, Oberbürgermeister, Dr. med. dent., Herr Doktor usw., sofern dem Beschumpfenen nicht nachgewiesen werden kann, dass er das ist.

§ 216: Im Ochsen dürfen keine verletzenden Ausdrücke gegen den Freisinn fallen; im Adler dito keine gegen die Volkspartei, im Rössli im allgemeinen keine gegen die Arbeiterpartei, sonst ist hier Rücksicht auf die jeweiligen Gäste zu nehmen. In allen anderen Wirschaften hat überhaupt jede Äusserung über Parteien zu unterbleiben.

§ 217: Die Ruhe auf der Gemeindekanzlei darf nicht gestört werden.

§ 361: Dem Gemeinderat als solchem, sowie den einzelnen Mitgliedern, ferner denjenigen, die es gewesen, sowie denjenigen, die es werden wollen, sollen die Masken in stummer Bewunderung begegnen. … „

4 Gedanken zu „Fasnacht 1922“

  1. Leider, lieber Wanderer, sind im Artikel des Tagblattes auch nicht alle 396 Paragraphen angeführt. Aber einige mehr sind es. Deshalb veröffentlicht Pantalone hier für Scharfsichtige den Artikel im Original-Layout. Es wurden nämlich auch Stimmen laut, die Pantalone unterstellen, er habe das Dokument frei erfunden. – Dem ist nicht so! – Sollte jemand über das vollständige Originaldokument verfügen: Her damit!

    verordnung

  2. Wobei jeder Baselbieter und Leimentaler weiss, dass dieses Tagblatt jährlich zur Fasnacht solche ‚Scherzartikel‘ einzubauen pflegte, ähnlich wie heute manche Tageszeitungen zum 1. April. Pantalone wird also noch eine Weile suchen müssen nach dem Original.

  3. Brillant erkannt, lieber Scherzkeks! – Und wenn wir schon beim Pointensezieren sind, dann weist Pantalone gerne darauf hin, dass diese historische Satire (im Gegensatz zu den meisten anderen) heute noch erstaunlich geniess- und nachvollziehbar ist, und wunderbar formuliert, mit raffinierten Subtexten und Seitenhieben, z.B.: „Alle hiesigen niedergelassenen Personen männlichen und weiblichen Geschlechtes und auch die übrigen Leute sind gehalten, dasselbe auswendig zu lernen.“ – Geht Pantalone recht in der Annahme, lieber Scherzkeks, dass du, aufgrund deiner intimen Kenntnis des Tagblattes, dich selbst eher zu den „hiesigen Niedergelassenen“ zählst und den Wanderer und Pantalones Wenigkeit eher zu den „Leuten“?

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