Patronale Tragödie

Die Patrons wurden bekanntlich von den Managern abgelöst. Früher stand ein Mann an der Spitze eines Unternehmens, heute steht da ein Leitbild.

Als wir noch viele Patrons hatten, waren sie uns mehrheitlich verhasst. Wir kannten damals die Manager noch nicht. Heute kennen wir die Manager, und da wir nur noch wenige Patrons haben, tendieren wir dazu, sie zu verklären. Warum nicht. Einen ganz besonderen Patron (der Name ist Pantalone bekannt) möchte Pantalone hier verewigen.
Er ist der Held einer kleinen Tragödie, die sich vor sechzig Jahren in New York abspielte. Unser Patron besuchte die amerikanische Niederlassung seiner Schweizer Firma. Er befand sich in seinem riesigen Büro im 36. Stock eines Hochhauses im Rockefeller Center. Er stand allein hinter seinem Schreibtisch am Fenster, als sich die gepolsterte Türe öffnete, die zwanzig Meter Luftlinie von seinem Standort entfernt war. Seine Sekretärin betrat das Zimmer. Sie trug einen Order mit unterschriftsreifen Dokumenten, die sie ihm zu unterbreiten beabsichtigte. Doch als sie näher treten wollte, erhob der Patron gebieterisch die Hand und sagte mit tiefer, sicherer Stimme auf Zürichdeutsch: „Bliibed Si stah, ich han gfurzet!“
Als die Sekretärin den Raum betrat, erkannte dieser Patron, dass sein Untergang besiegelt war. Innert Sekunden musste er entscheiden, ob er als kleiner Stinker oder als klassischer Held untergehen wollte. Er entschied sich für die Variante Held. Der kleine Stinker wäre sang- und klanglos untergegangen. Der patronale Held aber bleibt. Seine ehemalige Sekretärin erzählt die Geschichte noch heute mit Ehrfurcht in der Stimme. Und Pantalone verleiht diesem Patron den eisernen Pantalone mit Zylinder.
Geklärt ist damit auch die Frage, weshalb viele weniger grosse Kapitalisten in ihren Einzelbüros Zigarren zu rauchen pflegten. Und offen bleibt die Frage, wie ein moderner Manager in einer solchen Situation reagiert hätte.

2 Gedanken zu „Patronale Tragödie“

  1. Ein moderner Manager hätte in dieser Situation gar nicht reagieren können, denn er wäre gekidnappt worden, so wie es uns die Franzosen vormachen. Und erst einmal anständig an den Marterpfahl gebunden, hätten ihm seine Arbeiter dank ihren knoblauch- und zwiebelgeschwängerten Fürzen (un)anständig eingeheizt.

  2. Also, es nimmt mich ja schon wunder. Und es zeigt sich wieder, dass sich die ganze Grösse des menschlichen Daseins immer wieder im Banalen manifestiert. Eine wunderschöne Parabel ist dir da gelungen.

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