Peter Merian verpissen

Für Pantalone ist „Peter Merian“ die urbanste Tramstation in ganz Venedig. Man steht weit oben auf dem Tramviadukt und sieht hinunter auf die Bahngleise. Sitzbank und Papierkörbe sind von Brandspuren gezeichnet. Der Glaswindschutz am Tramhäuschen wurde in vorauseilender Vandalenangst entfernt. Hier weht rauhe Zugluft. Hier sieht das Auge nur Menschenwerk und Nachthimmel mit Mond.

Gegenüber gewaltige Fassaden aus Glas und Blech. Das Material sieht aus, wie grobes, weisses Wellblech. Es ist Nacht, aber die ganze Szene ist hell erleuchtet. Über das Brücklein kommen vier junge Männer, gestikulierend, mit rauhen Stimmen argumentierend und angebrochene Sixpacks schwingend. Sie postieren sich, schwarz gekleidet, an die strahlend weisse Fassade und pissen synchron. Pantalone wartet aufs Tram und schaut zu, zusammen mit fünf, sechs anderen Reiselustigen. Früher stellte man Warnposten auf und verrichtete seine Notdurft, wenn es gar nicht mehr anders ging, tief geduckt, in eine dunkle Ecke. Heute tut man es aufrecht, stolz, öffentlich, kollektiv, beleuchtet, vor Fassaden von urbanen Neubauten. Was wir hier beobachten, ist kein simpler zivilisatorischer Rückschritt, hier verschwindet eine evolutionäre Errungenschaft, die sich einst irgendwo zwischen Meerschwein und Katze einnistete: Verrichte deine Notdurft geduckt, an abgeschirmten, eigens dazu vorgesehenen Orten. Es muss damals ein ähnlicher Prozess gewesen sein, wie wir ihn heute bei sehr hoch entwickelten Wesen beobachten können: Verrichte dein Rauchopfer geduckt, an abgeschirmten, eigens dazu vorgesehenen Orten, heisst es doch immer öfter.

4 Gedanken zu „Peter Merian verpissen“

  1. Juhuu erstmal. Wieder mal etwas geschrieben. Du bringst es auf den Punkt. Ich, auch Raucher, sehe es ebenfalls nicht ein, weshalb öffentliches urinieren langsam höher in der Gunst des Volkes steht, als die eigene langsame, qualmige Selbstzerstörung und Nervenberuhigung. Was ist denn das Ziel dieser Gesellschaft? Back to the Gründbedürfnisse? Ja dann gleich mal ne Grundebedürfnisparty in der Kuppel veranstalten. Dachüberm Kopf, Pissen, Scheissen und Ficken. Es lebe die Hochkultur! Das muss ich erst mal mit einer Zigarette verdauen.

  2. Apropos Abfall: Wird dein Blog auch so mit Spam zugemüllt? Ich lösche täglich 100 Spam-Kommentare. Deshalb komme ich auch fast nicht mehr zum schreiben.

  3. Plumpe Anbiederung. – Ich kenne Pantalone! Der raucht gar nicht. Seine filigrane Gesundheit würde das gar nicht zulassen. Ich pflege ihn mir mit Zigarren vom Leibe zu halten.

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