Unter dem M-Park ist der Strand

strand.jpgWas ist der Unterschied zwischen dem M-Park und dem Strand? – Zum Strand ging man ohne Einkaufsliste. Man schaute, was über Nacht angeschwemmt worden war und was man davon brauchen konnte. Man brachte vielleicht nach Hause: einen Walwirbel als Küchenhocker,

eine Schiffsplanke als Stalltüre, einen halben Sack mit Kartoffeln, einen Korb mit Trockenfisch oder eine funkelnde Schatztruhe. Standgut gehörte dem, der es fand. Die Kartoffel soll ursprünglich als Strandgut von der besiegten spanischen Armada nach Irland gekommen sein. Manche Stranddörfer sollen einst sogar richtiggehend Schiffe geknackt haben: Sie verschoben den Leuchtturm und lockten sie so in gefährliche Gewässer.

In den M-Park geht man mit einer Einkaufsliste. Man überlegt sich vorher, was man will, und man weiss, dass man nachher alles finden wird. Im Supermarkt gibt es keinen Zufall, hier muss niemand Schiffe knacken. Aber gleichzeitig ist der Supermarkt auch ein Strand: bei jedem Einkauf entdecken wir schöne und nützliche Dinge, die nicht auf unserer Einkaufsliste stehen. Insbesondere die bunten Stände in der Eingangshalle richten sich an unseren Strandinstinkt. Da gibt es Dinge, die nicht auf unserer Einkaufsliste stehen, die wir aber eventuell trotzdem vielleicht irgendwann einmal brauchen könnten. Extrem günstig. Schon drei Mal habe ich zum Beispiel ein Set mit Mikroschraubenziehern gekauft. Gekauft. Nie gebraucht. Vergessen. Neu gekauft …

Das Leben ist ein Strand und wir machen daraus einen Supermarkt. Wir mögen beides: Supermärkte und Strände. Lieber mögen wir Supermärkte. Wir eliminieren den Zufall und kultivieren das Berechenbare. Wir wollen immer vorher wissen, was uns nachher erwartet. Unseren Tag gestaltet der Terminkalender, unsere Reise der Reiseführer, unser Musikprogramm der Spartensender. Das Unerwartete und das Neue geniessen wir in kleinen Dosen, im Prinzip wollen wir das, was wir schon kennen und das, was wir schon haben.

Unser ausgeklügeltes, weltumfassendes Logistiksystem sorgt dafür, dass immer die richtigen Dinge am richtigen Ort sind. Das Meer und der Strand sind dagegen ein sehr unberechenbares Logistiksystem. Und da kommt jetzt natürlich wieder Pantalones alter Lehrmeister Heinz von Foerster ins Spiel und sein Konzept der nicht-trivialen Maschine. Unser Logistiksystem ist eine triviale Maschine, das Meer eine nicht-triviale. Laut von Foerster ist auch der Mensch eine nicht-triviale Maschine, obwohl zum Beispiel die Schule eine triviale aus ihm machen will: Vom Schüler wird auf die Frage „2 x 2 = ?“ immer die Antwort „4“ erwartet, obwohl eine andere Antwort – zum Beispiel „grün“ – durchaus auch eine Berechtigung haben und interessante Abgründe eröffnen könnte.

Zum Glück ist über dem Strand der M-Park! – Zum Glück ist unter dem M-Park der Strand!

Der Titel dieses Eintrags bezieht sich auf Helma Sanders Film Unter dem Pflaster ist der Strand aus dem Jahr 1975 und auf das Frankfurter Stadtmagazin Pflasterstrand, das 1976 (u.a. von Daniel Cohn-Bendit) gegründet wurde – pantalonische Reminiszenzen.

2 Gedanken zu „Unter dem M-Park ist der Strand“

  1. Danke Pantalone! Solche Texte würde ich gerne öfter lesen, deine Schreibe gefällt. Zu was führt deine Annahme, wenn man sie auf die Arlesheimer Migros appliziert? Dort fliesst ja der Dorfbach. Weder drunter noch drüber.

  2. Stimmt, Gebäude, der Bach! Danke. Warum hat Pantalone daran nicht gedacht. So nah liegt das Gute und trotzdem schweift man in die Ferne zum Wolfgottsacker (selig, weil: auf dem Wolfgottsacker liegt ja jetzt der M-Park. Rein tramtechnisch gesprochen, natürlich). – Zurück zum Bach, der im Schacht durch die Arleser Migros fliesst. Wenn jemand sagt: Keine Angst, der Bach passt in diesen Schacht, dann ist das für Pantalone, wie wenn jemand sagt: Keine Angst, mein Hund beisst nicht. Das kann ja gar niemand wissen, eben weil Bäche und Hunde nicht-triviale Maschinen sind. Wenn sie heute etwas tun, heisst das nicht, dass sie morgen dasselbe tun. Gut unterrichtete Quellen sagen übrigens, der Schacht hätte ursprünglich transparent sein sollen, aber der Bach habe sich erfrecht allerlei unromatische Sachen zu transportieren, und da habe man auf die Transparenz verzichtet. Eines Tages wird dieser Bach noch frecher werden, und dann wird der Migrosladen zum Hallenbad mit Rolltreppe.

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