Mein Mann ist eine Frohnatur, hatte Susi in besseren Zeiten oft gesagt. Später regte sie sich auf, weil ich nicht merkte, wenn der Frühling kam.
Die wunderbare Hitze im Sommer, der wunderbare Nebel im Herbst, der wunderbare Schneematsch im Winter, der wunderbare Regen im Frühling: Für mich war immer Frühling. Seit ich hier unter dem wunderbaren Berg wohnte, in der wunderbaren Wohnung, zwischen den wunderbaren Autobahnen, in der wunderbaren Anflugschneise, mit meiner wunderbaren Susi, und meinen wunderbaren Kindern. Unter meinem wunderbaren Chef, mit meinen wunderbaren Kollegen und mit meinen wunderbaren Kunden. Hier war es mir wohl, von hier wollte ich niemals weg. Ich quoll über von positiven Gefühlen. Ich lief auf Hochtouren. Ich liebte alle und alles. Ich war dauerverliebt.
Susi war das bald verleidet. Es sei nicht alles wunderbar, kein Mensch könne ununterbrochen verliebt sein, daran verbrenne man innerlich, sagte sie. Ein Mensch kann auch hyperglücklich sein, sagte sie, und dadurch seine Umwelt schwer belasten. Und sie forderte mich auf, einen Arzt zu konsultieren. Ich verstand das nicht, fügte mich aber gern und folgte fröhlich ihrem Wunsch. Doktor Thommen und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Wir hatten uns so viel zu erzählen und so viel zu lachen miteinander. Er konnte nicht genug kriegen von mir und bestellte mich dreimal die Woche. Doktor Thommen wurde froh, ich blieb froh, aber Susi wurde immer mürrischer. Und weil wir uns nicht mehr selbst zu helfen wussten, ging Susi in die Selbsthilfegruppe für Frauen hyperglücklicher Männer. Dort traf sie Miriam.
Miriam war Radiästhetin. Ich verliebte mich sofort in sie. Aber Miriam war sehr professionell und liess sich von meiner guten Laune nicht anstecken. Sie arbeitete seriös mit mir, testete mich und fand schlussendlich heraus, dass es eine Radiofrequenz war.
Oben auf unserem kahlen Berg steht ein Sendeturm. Er sendet DRS1, DRS2, DRS3 und Das Balzradio. Es war Das Balzradio. Ich hatte diesen Sender noch nie gehört, aber mein Nervensystem lief offenbar auf der gleichen Wellenlänge. Deshalb wurde ich permanent unterschwellig von ihm angebalzt: Here I am, Beautiful Girl, The River of Dreams, Sie sieht mich nicht! Gib mer ä Chance, Everybody Knows I Love You, Come as You Are, Open Arms, Join Me, Get Ready, donne moi ton corps, Your Body is a Wonderland, I’ve Got You, 2 Become 1, Crazy in Love, Geile Zeit, Everlasting Love, Friends Forever, You’ll be in my Heart.
Es war also nicht die stickige Hitze, die mich hyperglücklich machte, nicht der saure Regen, nicht der undurchdringliche Nebel, nicht der durchdringende Schneematsch, nicht die brave Susi und nicht die frechen Kinder. Es war Das Balzradio. Diese Erkenntnis enttäuschte mich, heilte mich aber nicht.
Miriam riet mir, das Sendegebiet zu verlassen. Aber wenn ich das tat, entstand sofort eine innere Leere in mir, die solange andauerte, bis ein neuer Sender meine Frequenz ausfüllte. Und so fuhr ich über Land und fühlte mich abwechselnd tropical, soulig, funky, goanisch, alpenrockig, worldmusicalisch, evangelisch und gerappt. Am glücklichsten aber machte mich Das Balzradio. Deshalb fuhr ich immer bald wieder nach Hause zurück.
Unsere Geschichte hat leider kein Happy End, denn noch immer bin ich eine hyperglückliche Frohnatur, noch immer bin ich dauerverliebt, und noch immer finde ich alles wunderbar … auch dass Susi mit den Kindern zu Miriam gezogen ist.
(c) Jürg Seiberth 2005
Für die Hauszeitschrift Frequenz von Schweizer Radio DRS.