Max Frisch über sein erstes Haus

 

Am 16. März 2011 schrieb der Frisch-Biograf Julian Schütt in der BaZ, das erste Haus, das Max Frisch in Arlesheim gebaut habe, sei «inzwischen abgerissen». Ich teilte ihm mit, dass dies nicht stimme, dass es immer noch an der Hangstrasse 28 in Arlesheim stehe. Schütt gab mir recht und wies mich auf einen Artikel hin, der 1942 in der Literatur- und Kunst-Beilage der NZZ erschien. Der Text wurde nachher nie mehr publiziert. Mir gefällt er gut, deshalb gebe ich hier einige Zitate daraus wieder. Wer den ganzen Text lesen will, muss in die UB.

Ich war immer der Meinung, dass es einen starken Bezug zwischen Architektur und Literatur gibt. Ich selbst entschied mich mit 12 für die Literatur, weil man mit ihr Luftschlösser bauen und umbauen und jederzeit wieder abreissen kann. Als Architekt - fand ich damals - baut man Betonklötze in die Landschaft, die jahrzehntelang stehen bleiben. Frisch hat sich das offenbar auch überlegt. Der Tagebuch-Autor war schon früh einer, der sich selbst als beobachtendes Subjekt nicht verbirgt, auch darin fühle ich mich mit ihm verwandt. Und dann spiegelt der Text auch die eigenartige Unverfrorenheit, deren es bedarf, um im friedlichen Arlesheim ein Haus zu bauen, während in wenigen Kilometern Entfernung der Krieg tobt.

«Der Bauherr, der oben auf der Strasse stand, schien andächtig bemüht, seine Vorstellung an dem Rebstecken anzusetzen, den ich nachhilfsweise mit meiner Soldatenmütze versah, ein wenig vogelscheuchenhaft, und sich den Rest seines künftigen Hauses hinzuzudenken. Er nickte. Eigentlich sah er nichts als einen Hang voll verwahrloster Rebstickel, dazwischen einen Soldaten auf Urlaub. ... Ich klappte den Meter zusammen, empfahl das Ländchen mit gutem Gewissen zum Kauf und war im übrigen, mit einem prüfenden Blick auf das Unsichtbare zurück, voll Hoffnung wie noch nie, dass uns der Friede wenigstens noch ein Jahr vergönnt sei. ... »

«Das erstemal, als ich auf dem Bau stand - eben war der Keller fertig, der erste Boden gedeckt - war es ein warmer, von weissen Gewölken erfüllter und fast schon sommerlicher Tag. Obstbäume blühten, über den schäumigen Wiesen schwamm es wie ein Gesumm. Ich hatte den Kittel ausgezogen, die Ärmel des Hemdes aufgekrempelt, als wäre das Anschauen eine Mordsarbeit. Einige Arbeiter hatten bloss die Hosen an, so warm war es da draussen und für Augenblicke hörte man nur das Summen einer Biene ... »

«Nun konnte man den Grundriss abschreiten, zum erstenmal in natürlicher Grösse das Ergebnis fröhlicher Einfälle und schlafloser Nächte, noch waren es allerdings keine Räume, nur ein grauer Betontisch mitten in Erdhügeln, zwischen hohen schlanken Gerüststangen. Fort waren die Reben, zerrissen die grüne Friedlichkeit des Geländes - die Hände in den Hosentaschen, eine Rolle unter dem Arm, stand ich auf Parterre -, das war nun der erste Schritt zur Verwirklichung: wieder Einschlag einer Bombe, nichts als eine grosse Wunde von brauner klaffender Erde, eine Baracke daneben, eine Latrine, von raschem Unkraut und Disteln umwuchert. ... »

«Plötzlich ist es da, eine Stützmauer, unfertig und dennoch bestimmt, nicht mehr auszuwischen, wirklich, greifbar, hochmütig wie alles Wirkliche. Ich ging nachher noch einmal hinauf, allein, nur um noch einmal vor einer sturen kleinen Mauer zu stehen, im überflüssigen Gefühl davon, dass nun alles was auch noch möglich gewesen wäre, begraben ist, - als blosse Idee, als Möglichkeit nicht mehr aufkam gegen das Handgreifliche dieser gemachten Mauer, ... »

« … man fragt, warum das und jenes noch immer nicht gemacht ist, antwortet auf Einwände, entscheidet, ordnet an oder schimpft, wenn es nötig ist, ärgert sich doppelt, wenn zum Schimpfen der andere fehlt; man zeichnet auch an Ort und Stelle, wie etwas Unvorhergesehenes zu machen ist, rechnet mit einer Kreide auf dem Backstein, mit Rotstift auf dem Gips Zahlen ... Wie schön wäre es, ein Gedicht an die Wände zu schreiben! ... Weniges nur, was uns beschieden ist, kann schöner sein als ein werdendes Haus, eine Stunde auf rohem Gebälk, Geruch von Harz, Wolken von Staub, Flüche, Stimmen, Männer in blauen Hosen und Hüten, Stille der abendlichen Sonne auf einem kleinen Gebirge von Backsteinen. ... »

«Was wissen sie von Theosophie, meine Gipser, Zimmerleute, Schreiner, Schlosser? Sie alles sind Meister in einer Sache, die keine Hexerei ist, aber immerhin gelernt sein will. Man denke sich die Sauerei, wenn unser Zirkel [von Philologen und Schriftstellern] einmal gipsen müsste!»

«Heute ... steht das kleine Landhaus schon seit einem Jahre fertig und bewohnt, still, verrauscht ist alle Aufregung, langsam wachsen Sträucher und Gras. … Mein Bauherr, im Garten umstechend, scheint nun zufriedener als sein Architekt, der, offenherzig wie nur zu einem Bruder, das Geständnis nicht unterdrücken kann, dass er es heute schon wieder anders bauen würde. ... alles Fertige hört auf, Behausung unseres Geistes zu sein.»

Zitate aus: «Das erste Haus. Notizen eines Architekten.» – Von Max Frisch
Neue Zürcher Zeitung, Sonntag, 13.9.1942 und Sonntag, 20.9.1942

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Ich bin neugierig

Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten grösser wird, sagt Heinz von Foerster.

Ich lebe danach, obwohl ich den Satz noch nicht ganz verstehe. Je älter ich werde, desto vielfältigeres mache ich.

Das kann mit Literatur zu tun haben, mit Fotografieren, Filmen, Musizieren, mit Kabarett, Theater und mit anderen Events ...